Schule

Der Bus ist da, der Bus ist da.
Alle rennen aus den Türen - wer zuletzt aussteigt, ist ein faules Ei!
Vor uns steht, alt und erhaben, das Hauptgebäude. Wie viele Stunden unseres Lebens wir schon darin verbracht haben. Tagtäglich werden es mehr.
Aus allen Himmelsrichtungen kommen Menschen in verschiedensten Farben und Formen. Abgeschlossene Räume werden mit Rucksäcken belagert, draußen gibt es einen Sitzstreik.
Vor dem Lehrerzimmer ist eine Schlange bis nach draußen.
Selten läuft jemand mit einem Kuchen in der Hand vorbei, nur um gierig von Personen aller Altersklasse bestarrt und besabbert zu werden. Nahrung ist zwar nicht knapp, aber nie in ausreichender Menge vorhanden.

Dinge fliegen durch die Luft: Flieger, Papierkugeln, Bücher, Schüler. Das ist Unterricht! Zwischen Tafel und Lehrertisch verschanzt sich eine Person, deren Alter weit über dem Durchschnitt liegt.
Die Musik, die in den hinteren Reihen gespielt wird, kommt vorne längst nicht mehr an.
Kreide fängt tatsächlich an, zu schimmeln! Auch die erste Reihe ist voll bei der Sache. Oder ist das gar keine Kreide, sondern ein Pausenbrot?

Dann die Explosion. Auf die Sekunde stürmen fast 600 Personen gleichzeitig von einem Raum in den nächsten oder nach draußen.
Die Druckwelle verursacht schon längst keine Hörschäden in der Verwaltungsetage mehr. Dort werden Ohrenstöpsel umsonst ausgeteilt.
Die Cafeteria wird überrannt, geplündert und gebrandschatzt. Was übrig bleibt, sind die Kaugummis von 1980.

Die zweite Welle ähnelt einer Implosion, nur langsamer. Niemand hat es plötzlich noch eilig.
Ein gewaltiger Stau entsteht. Wie Tropfen im Wind stemmen sich vereinzelte Schülergruppen gegen den Strom.
Ab und zu schwimmt ein Lehrer vorbei und anschließend eine Aktentasche.
Mass matters, hat das Newton nicht so gesagt? Oder war das Einstein?
Fachwissen verteilt sich unter den Schülern ähnlich gut wie aufgegessene Pausenbrote.
Vorne versucht jemand, etwas an die Wand zu projezieren. Oder tanzt der? Verzeihung, welches Fach haben wir gerade? Moment mal, das ist gar nicht meine Klasse!
Die Sanduhr an der Wand muss kaputt sein. Seit Ewigkeiten ist keine Zeit mehr vergangen!

Im Lehrerzimmer spürt man ein Vibrieren. Nein, es sind nicht die Schüler, die Lehrer! Unterrichtsschluss bedeutet das Ende vom Ende und einen Neuanfang.
Die ersten, die aus den Räumen stürmen, sind alle Personen über 20. Mit annährend Lichtgeschwindigkeit entlädt sich der Rest an Energie in einem Sprint zum Auto.
Wir befinden uns an der Bushaltestelle. Alle Lehrer sind schon nach Hause gefahren.
Alle Lehrer? Nein! Ein von pubertierenden Schülern umringtes Lehrkraftpaar hört nicht auf, dem Gedrängel Widerstand zu leisten. Schließlich kommt der Bus von heute morgen. Dieses Mal bleiben die Türen sogar heile. Alle Schüler sind weg und die Busaufsicht hüpft glücklich auf den Heimweg. Die spinnen, die Lehrer.

Das ist das Ende des Schultags.
Doch Halt! Fast hätten wir sie vergessen:

Reinigungskräfte und ein Hausmeister flitzen wie Ameisen durch die Räume. Im Sekundentakt geht die Anzahl an Geschlechtsteilen auf Tafeln weiter auf Null.
Was wackelt, wird geschraubt, was auseinanderfällt, geklebt. Die Verwüstung dauert so lange wie die Wiederherstellung.

Ein Tag ist vorüber. 180 folgen, jedes Jahr wieder.

Manche Dinge ändern sich nie!